Beispieltext – Der Flug des Kakadus

Die Expedition des Mister Forrest

Der kleine Junge ließ sich auf die Knie fallen, als ob ihn das dem Spektakel näher brächte und er es dadurch besser beobachten könne. Hoch oben auf der Felswand öffnete sich ihm der Blick bis zum Horizont, aber die länger werdenden Schatten kündigten bereits die bald hereinbrechende Dämmerung an. Nur einen kleinen Teil seiner Aufmerksamkeit schenkte er der donnernden Stimme hinter sich. Sie gehörte Elmaru. Dieser tobte und richtete dabei seinen Blick einmal auf die ihn umgebenden Personen und danach in den gähnenden Abgrund, wo menschliche und tierische Formen eine winzige ameisenhafte Kolonne bildeten. Yungaburra, der Junge mit dem runden Gesicht, hockte in einer Gruppe Gleichaltriger und fing nur einzelne Sätze aus dem Mund des mächtigen Mannes auf, von dem man sagte, er könne die härtesten Widersacher durch bloßen Willen unterwerfen. Aber wenn Elmaru derart hasserfüllt brüllte, erweckte er den wenig souveränen Eindruck gegen Mächte anzukämpfen, die sich seiner Kontrolle entzogen.

Aus eigener Erfahrung kannte Yungaburra Zorn als Folge von Hilflosigkeit gegenüber einem unüberwindbaren Hindernis oder einer unkontrollierbaren Gefahr. Fürchtete Elmaru etwa die kaum sichtbaren Menschenfiguren da unten?

Yungaburra selbst sah und hörte eben jetzt nichts sonst als eine schneeweiße Wolke krächzender Kakadus, die in ihrer majestätischen Unnahbarkeit vorbeizogen. Wie allen Kindern der Banubi war ihm die Heiligkeit dieser edlen Wesen bewusst, deren Stimme er dennoch kaum als angenehm, ja, sogar als ohrenbetäubend empfand.

Der schwerelose, blendend schimmernde Schwarm entflog in die Ferne, und an des Jungen Gehör drangen wieder die Tiraden aus dem Munde des großen Elmaru: »… Sie haben das Land der Mirari, der Bunambi, der Guyini und auch das der Inselbewohner gestohlen … alle diese Völker sind nun Sklaven ohne Recht und 7 4mm Besitz … sind gezwungen im Meer nach Muscheln zu suchen … die Frauen müssen ihre Beine spreizen für die weißen Dreckskerle … und andernorts raubten sie die Wiesen von den Ngurabi und Nyangari, auf denen sich jetzt ihre stumpfsinnigen, kraushaarigen weißen Biester fettfressen ! …«

Yungaburra blickte nach unten zu den kleinen Menschlein und ihren Tieren, wie sie sich langsam entlang jener Klippen bewegten, auf denen er, Elmaru und Dutzende ihrer Stammesbrüder thronten. Plötzlich fasste Elmaru ins lose Geröll, ergriff ein großes Stück daraus und schleuderte es gegen jene fernen Gestalten. Selbstverständlich erreichte der Stein sein Ziel in keiner Weise, doch beobachtete Yungaburra gebannt seine Flugkurve. Der Brocken fiel, fiel, einen Bogen beschreibend, fiel ohne Ende und verschwand, vielleicht nie auf der Erde aufschlagend, so hoch waren die Klippen. Und die Menschlein und ihre Tiere waren von diesen Klippen noch einmal so weit entfernt, wie er, Yungaburra, ohne Pause sprinten konnte. Vermutlich bemerkten die dort unten nicht, dass etwas nach ihnen geworfen worden war, das nun weit abseits ihres Weges im Nirgendwo aus den Wolken fiel.

Wieder wandte sich Elmaru an die Gruppe: »Seht, sie drängen auch zu uns! Derzeit sehen sie den Weg hierher noch durch das Gebirge versperrt, doch sie werden versuchen, auch das zu überwinden. Und wenn sie erst einmal auf unserem Land sind, werden sie unsere Quellen und Flüsse für sich beanspruchen und ihre schwitzenden Reithunde, ihre horntragenden Ungeheuer und ihre kraushaarigen weißen Biester werden uns das Gras wegfressen und die angestammten Tiere vertreiben. Und sie werden unsere heiligen Wasserstellen in übelriechende Kloaken verwandeln ! Alles das habe ich schon gesehen !«

Yungaburra war sich beinahe sicher, dass in der Prozession dort unten keine gehörnten oder kraushaarigen weißen Tiere mitgingen. Die große Distanz erlaubte keine exakte Wahrnehmung. Trotz seiner herausragenden Sehkraft musste er mehr erahnen, wie die Menschen in den stickigen Körperumhüllungen aussahen. Aber es war ihm möglich zu erkennen, dass sie wohl auf Lebewesen ritten, die allerdings kaum wie Hunde aussahen. Offensichtlich hegte Elmaru großen Hass gegen sie, während Yungaburra einfach nur versuchte, 8 4mm sich vorzustellen, wie es wäre, selbst auf einem solchen Reittier zu sitzen. Vermutlich aufregend.

Wenn Elmaru die Menschen dort unten »weiße Dreckskerle« nannte, mussten sie allem Anschein nach böse sein. Der Junge fragte sich, woher sie kamen und wohin sie gingen. Hatten sie sich als Kinder auch in Säcken aus Känguru-Fell auf dem Rücken der Mutter tragen lassen ? Schliefen sie ebenfalls unter den Sternen ? Jagten ihre Männer Kängurus und Emus und gruben ihre Frauen nach Wurzeln und ernteten sie Beeren und Früchte in den Wäldern ? Stritten ihre Männer auch unentwegt wegen der Frauen ? Übten ihre Jungen den Speerwurf ? Liebten sie Erzählungen, Lieder und Tänze um das Lagerfeuer ebenso wie er ? Bewohnten auch sie irgendwo riesige Gebirgszüge mit unzählbaren Höhlen ? Hüllten sie ihre Toten in Baumrinde, um sie dann in speziellen Grotten zu bestatten ? Hatten auch sie Vergnügen daran, in klaren Flüssen zu schwimmen und zu fischen ? Brannten sie ebenso regelmäßig die alten Gräser nieder, damit junge Triebe nachwachsen konnten, um die Kängurus anzulocken ? Vermutlich. Aber wo ?

Plötzlich entdeckte der Junge eine neue Eigentümlichkeit. Wieso war ihm bisher nicht aufgefallen, dass von den Menschen da unten nicht alle auf einem Reittier saßen ? Manche gingen neben einem her, über dessen Rücken eine schwere Last geworfen war. Yungaburra sah angestrengt hin. Auch wenn er sich aus dieser Entfernung mit einer Einschätzung schwer tat, verfestigte sich doch sein Eindruck, dass jene, die sich zu Fuß bewegten, dunkelhäutig waren wie er selbst. Wie viele mochten sie alle zusammen sein ? Yungaburra benutzte seine Hände: Er ordnete jedem einen Finger zu, und am Ende war kein Finger zu wenig oder zu viel. So viele also. Er wollte mehr über sie erfahren.

Ihre Karawane kam nur langsam vorwärts. Offensichtlich suchten sie einen Weg durch das Gebirge. Der Pfad, dem sie nun folgten, würde sie bald wegführen vom Territorium der Banubi, jenes Stammes, dem auch Yungaburra angehörte. Elmarus Stimme mäßigte sich ein wenig, sein Zorn blieb gleichwohl. Mit einer letzten Geste der Empörung zischte er den Davonziehenden die Worte hinterher: »Ich kenne diese weißen Dreckskerle nur zu gut ! Ich fürchte, sie werden wiederkommen und versuchen, auch unser 9 4mm Land zu rauben. Vermutlich in der trockenen Jahreszeit. Sie werden unseren schönen Flecken Erde und unseren Reichtum an lebenspendendem Wasser nicht vergessen, und sie werden das alles für sich haben wollen. Nehmt euch meine Worte zu Herzen !«

Da es bereits dämmerte, bewegte sich die Gruppe zum Feuer um zu essen. Yungaburra und die anderen Jungen spielten anschließend noch eine Weile, ehe die Nacht von der Erde Besitz ergreifen würde und die Geister durch die Wälder zu streifen begännen.

Die Mutter hatte ihn eben gerufen, doch Yungaburra fiel noch etwas ein. »Moment, Mama, ich muss noch mit Elmaru reden !«

Selbstbewusst schritt der Junge auf den in jeder Hinsicht Gewaltigen zu und sprach: »Onkel Elmaru, warum wollen die weißen Dreckskerle unser Land ? Wie wollen sie es sich denn nehmen ? Unsere Ahnen würden das doch niemals erlauben !«

Der furchtbare Elmaru lächelte den liebenswerten Jungen gütig an. »Yungaburra, mein Sohn, eines Tages werde ich dir das erklären. Für heute nur so viel: Diese Menschen mit weißer Haut verstehen die Ahnen nicht. Sie denken, sie könnten jedermanns Land an sich reißen, um es dann zu kaufen und zu verkaufen.«

»Onkel, was ist kaufen und verkaufen ?«

Elmaru lachte und zog den Jungen auf seine Knie. »Das, mein Kleiner, wirst du später verstehen. Jetzt lauf zu deiner Mutter, geh schlafen und sieh zu, dass du groß und stark wirst ! Bist du erst einmal ein kräftiger Mann, wirst du tapfer für uns Banubi in den Kampf ziehen. Ich zähle auf dich! Geh jetzt !«

»Aber ich bin noch nicht fertig, Onkel Elmaru! Du hast die Fremden heute weiße Dreckskerle genannt. Da waren aber auch welche mit unserer Hautfarbe darunter. Die, die neben den Tieren herliefen und nicht ritten. Sind auch sie Dreckskerle ?«

»Die vielleicht sogar noch mehr als die Weißen«, zog Elmaru eine Grimasse, die seinen Abscheu besser ausdrückte als Worte dies könnten. »So, mein Junge, jetzt ist es aber wirklich Zeit dich hinzulegen. Lauf, und deine Mama wird dir zum Einschlafen noch eine Geschichte erzählen.«

Yungaburra ging zu Mayarina, seiner Mutter, und die beiden legten sich nahe ans niederbrennende Feuer. Die Lider des Jungen wurden immer schwerer, und er hörte wohl nicht viel mehr als: 10 4mm »Der erhabene Gott der Banubi, der Große Vater Taltyina, lebte mit seiner Frau und seinen Söhnen über den Sternen im Himmel, und ihre Jugend und ihr Glück dauerten ewig. Der Himmel stand über der Erde, auf vier Säulen ruhend, und die Sterne waren die nächtlichen Feuer der Götter …«